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Peter
Villwock
1. Ausgangslage Seit fünf Jahren liegt die Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts abgeschlossen in 30 Bänden vor (Bertolt Brecht: Werke, hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller [Berlin, Weimar, Frankfurt am Main 1988-2000]; im folgenden: BFA). Sie macht viele Werke, Texte und Aufzeichnungen Brechts erstmals zugänglich und kommentiert bereits Bekanntes ausführlicher als jede vorangegangene Ausgabe. Das macht sie bis auf weiteres zur maßgeblichen Brecht-Edition. Im einzelnen läßt sie jedoch manches zu wünschen übrig. Die Begründung der nach Gattungen geordneten Systematik wie der ›Normalisierung‹ von Rechtschreibung und Zeichensetzung ist beidemale nur präsumptiv: ›Brecht hätte es sicher nicht anders gewollt‹ (was, selbst wenn es zweifelsfrei feststellbar wäre, ja trotzdem nicht als ordre de moufti hingenommen werden müßte). Die durch Brechts Arbeitsweise und den erhaltenen Bestand gestellten Probleme werden durchaus gesehen und angesprochen, aber in der Praxis dann doch mehr überspielt als angegangen. Die BFA tritt mit enormem philologischen Anspruch auf: Quellen- und Textkritik des Gesamtbestands, vollständige, der Arbeitsweise Brechts entsprechende Textpräsentation etc. (BFA Registerband, 805f.). Dies ist ein Selbstmißverständnis; sie überhebt sich damit. Eine Lese- und Studienausgabe kann (übrigens auch bei einem kleineren Bestand als dem riesigen Brecht-Nachlaß mit seinen ca. 180 000 Manuskriptblättern und 360 000 Dokumenten insgesamt) nicht nebenbei leisten, was Aufgabe einer wirklich großen historisch-kritischen Ausgabe ist. Vor allem die Teile des Nachlasses, die in kein Gattungs-Schema passen, keinen Werk-Status erreichen und teilweise nicht einmal Texte darstellen, sind unzulänglich ediert: im grundsätzlichen immer und dazu oft auch im Einzelfall noch auf je andere Weise verfälschend. Hier rächt sich der Verzicht auf eine Reflexion über Grundbegriffe wie Werk, Text, Notat, Fragment, Entwurf, Fassung, Autorisierung etc. und der Schematismus vermuteter Leserfreundlichkeit, kraft dessen alle Texte und Aufzeichnungen gleich behandelt werden (in Layout, Orthographie, Korrekturdarstellung und Kommentierung). Am deutlichsten werden die dadurch notwendigen, gleichwohl faulen Kompromisse bei Brechts Notizbüchern, die in der BFA wie in vorangegangenen Brechtausgaben selektiv als Steinbruch für Parerga und Paralipomena genutzt werden. Einige Notate werden späteren Texten und Werken als Vorarbeit zugeordnet, andere als eigenständige Als-ob-Werke ediert, viele auch ganz ignoriert, wenn sie als zu kurz, irrelevant oder leichtgewichtig angesehen, von der editorischen Brille potentielles Werk nicht erfaßt oder schlicht übersehen wurden. Immer aber werden sie aus ihrem Kontext gerissen und finden sich über sämtliche Bände der Ausgabe verteilt (d.h. sie finden sich eben nicht; eine gezielte Suche nach ihnen ist unmöglich). Eine Lektüre der Notate im Entstehungszusammenhang wird auch demjenigen erschwert, der bereit ist, den Weg zu den Originalen anzutreten, weil die Archiv-Signaturen nicht angegeben sind. 50 Jahre nach Brechts Tod ist es dem Leser und Forscher immer noch unmöglich, sich in die Materie zu versenken: die Notizen für sich und in ihrem Kontext unverstellt in den Blick zu nehmen. Die bisherigen editorischen Rekonstruktionen von Werkgenesen und -zusammenhängen sind nicht kontrollierbar. Ein Perspektivenwechsel, nicht immer vom fertigen Werk rückwärts zu den Vorarbeiten, sondern umgekehrt von den ersten Aufzeichnungen zu ihren späteren Transformationen (oder eben auch nicht) ist an der Zeit. Nur so, im Durchgang durch die lebendige Bewegung der Sache selbst, wird das Werk Brechts wirklich als reflektiertes Ganzes erscheinen und wissenschaftlich erkannt werden können. Brechts gut 50 erhaltene Notizbücher bilden einen klar abgrenzbaren Bestand. Ihre angemessene Edition ist auch nach der BFA ein, vielleicht das Desiderat der Brecht-Forschung. Für den Wissenschaftler, der Schreibprozesse und Textgenesen untersucht, ist sie ebenso unabdingbar wie für jeden Leser, der Brechts Arbeitsweise nicht immer nur beschrieben bekommen, sondern selbst sehen, nachvollziehen und verstehen will. Problematisch ist der Bestand durch die Tatsache, daß Brecht selbst mit seinen Notizbüchern sehr zupackend umging. Er riß nicht nur einzelne Blätter heraus, sondern zerteilte häufig das ursprüngliche Heft in einzelne Lagen, die er verschiedenen, ggf. wohl auch wechselnden Werkkonvoluten beilegte – eine Bearbeitung, die ohne eine einzige Zeichenänderung auskommen kann, dennoch aber zu verfolgen und zu dokumentieren ist. Diese Neukontextualisierungen und Ansätze zur Selbstarchivierung der Notizbücher (Aufbewahrung, Zählung), durchkreuzt von häufigen Umzügen etc., die die transitiven Ordnungen immer wieder durcheinandergebracht haben dürften, sowie verschiedene Systematisierungsversuche zu Lebzeiten und danach führten im Ergebnis zur jetzigen Situation im Bertolt-Brecht-Archiv (BBA): Vollständige Hefte und Blöcke, einzelne oder mehrere Lagen und lose Blätter oder Blatteile sind über den gesamten Bestand verteilt. Ihr ursprünglicher Zusammenhang wird wohl nur teilweise und manchmal bloß hypothetisch rekonstruiert werden können.
2. Gegenstand der Edition Materialität Die hier vorgestellte Edition umfaßt sämtliche Notizhefte und -blöcke Brechts, die physisch als solche erhalten sind, d.h. deren Blattfolge durch Bindung oder Heftung eindeutig feststeht (materiales Kriterium). Dazu gehören neben den vollständigen Notizbüchern auch separat überlieferte, aber noch gebundene oder geheftete Lagen oder Konvolute ohne Umschlag. Für diese Textträger wird im folgenden der Terminus Notizbuch (NB) als Oberbegriff verwendet; wo nötig, wird in Notizheft, Notizblock, Lage(n) etc. unterschieden. Ediert wird nach dem Befund des Bestandes: In Lagen aufgelöste Notizbücher werden nicht in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt, sondern als archivalisch vorfindliche Einheiten gezählt und wiedergegeben. Intentionalität Neben der physischen Beschaffenheit des Textträgers gilt seine Verwendung als unterscheidendes Prinzip (funktionales Kriterium). Gegenstand der Edition sind alle Hefte und Blöcke, die für Notizen: d.h. für heterogene, eindeutig voneinander abgrenzbare und in verschiedenen Zusammenhängen (in verschiedenen Projekt-Kontexten, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten) eingetragene Aufzeichnungen benutzt wurden. Nicht aufgenommen werden also Manuskript-Hefte, die nie als Notizbücher dienten. Dazu gehören insbesondere die handschriftlich in Schulheften geführten frühen Tagebücher. Äußerlich den Notizbüchern ähnlich und archivalisch ursprünglich teilweise zu diesen gezählt, stellen sie doch eine klar abgrenzbare Textsorte dar und sind hier nicht zu berücksichtigen. Ebenfalls nicht aufgenommen werden Hefte mit Abschriften oder Reinschriften. Diese Textträger sind zudem in der BFA bereits einigermaßen angemessen publiziert. Grenzfälle Bei Grenzfällen wird großzügig verfahren. Zwei frühe Hefte werden aufgenommen, obwohl sie weitgehend (aber eben nicht ganz) Reinschriftcharakter tragen und damit während ihrer Verwendungszeit fast durchgängig die Funktion haben, die in Brechts Produktionsprozeß später maschinenschriftliche Abschriften und Ausarbeitungen von Notizbucheintragungen im engeren Sinne übernehmen. Allerdings wurden beide zwischenzeitlich als genuine Notizbücher verwendet. Einzelblätter Die vielen im gesamten Nachlaß verstreuten Einzelblätter, die nachweislich aus Notizbüchern stammen, aber aus der Bindung / Heftung gelöst sind, werden mit ihrer BBA-Signatur nach gleichen Prinzipien wie die Notizbücher selbst elektronisch erfaßt. Zusätzlich zur Buchedition wird so nach und nach eine elektronische Datenbank von Einzelblättern entstehen. Sie werden sich teilweise, aber wohl nicht in jedem Fall bestimmten Notizbüchern zuordnen lassen, aus denen sie herausgetrennt wurden. Im abschließenden Band der Edition sollen diese Blätter vollständig publiziert, soweit möglich chronologisch geordnet und inhaltlich erschlossen werden. Zusatzmaterial Ausschließlich elektronisch erfaßt und (auch untereinander) verlinkt werden weitere hand- oder maschinenschriftliche Einzelblätter oder Quellen, die eindeutig in Verbindung mit edierten Notaten stehen und zu ihrer Kommentierung notwendig oder aufschlußreich sind. Angesichts des enormen Nachlaßbestandes sind dabei enge Maßstäbe anzulegen und die zur Verfügung stehende Zeit zu berücksichtigen. Eine hier auf Vollständigkeit bedachte Erfassung wäre unter den gegebenen Voraussetzungen ein völlig unmögliches Vorhaben. Dennoch: etwas ist besser als gar nichts, und irgendwo muß man einmal anfangen. Die Natur des elektronischen Mediums läßt eine größere Flexibilität zu als eine Buchedition und hält die Option späterer Erweiterung von Teilbereichen zu anderen Formen der Veröffentlichung offen. Es sollte deswegen nach Maßgabe des Möglichen genutzt werden.
3. Archivische Vorarbeiten Nach der Durchforstung des Gesamtbestandes auf Textträger hin, die nach den genannten Kriterien unter den Begriff Notizbuch fallen, muß der so umgrenzte Bestand zunächst noch archivisch bearbeitet werden, bevor die eigentlichen Editionsarbeiten beginnen können. Siglierung Der Bestand der Notizbücher wird aus pragmatischen Gründen durchgezählt. Dabei wird eine erschlossene Chronologie zugrundegelegt. Diese gilt nur unter Vorbehalt, denn - Brecht benutzte oft mehrere
Notizbücher
gleichzeitig Die Zählung ist in erster Linie eine abstrakte Sigle, die daneben auch chronologische Informationen vermittelt. Andere Benennungen (nach der Archivsignatur, einer der früheren Archivzählungen, erster Textzeile, einer Brechtschen Zählung, materialen Gegebenheiten oder vermutetem Verwendungszeitraum) wären allesamt weniger plausibel und praktikabel. Am meisten entspricht der hier eingeführten Ordnung die Numerierung des Bestandsverzeichnisses (Herta Ramthun [Bearb.], Bertolt-Brecht-Archiv. Bestandsverzeichnis des literarischen Nachlasses [Berlin, Weimar 1969-1973]). Dennoch konnte auch diese Zählung nicht übernommen werden, denn sie ist im Einzelfall teilweise ungenau, umfaßt zugleich zu viel (z.B. ein Notizbuch Elisabeth Hauptmanns) und zu wenig (einzelne Notizbücher wurden nicht aufgenommen) und basiert zum Teil auf Fehldatierungen. Bei der neuen Zählung wird in Kauf genommen, daß es sich um die inzwischen dritte (wenn man neben der alten Archivzählung und dem Bestandsverzeichnis auch Brechts eigene Ansätze mitrechnet, sogar die vierte) numerische Ordnung handelt. Foliierung Die bisherige Signaturvergabe des BBA zählte in der Regel nur die beschriebenen Seiten, verfuhr aber nicht konsequent (einzelne Seiten wurden nicht gezählt, andere erhielten mehrere Signaturen, manchmal wurden Doppelseiten gezählt oder eine Signatur für zwei [recto/verso-] Seiten vergeben etc.). Zu den Vorarbeiten der Edition gehört somit auch eine stringente archivalische Blattzählung in der Hauptschreibrichtung. Gezählt werden alle Blätter inkl. Umschläge und Vorsatzblätter, nach recto/verso spezifiziert, egal ob beschrieben, unbeschrieben oder beklebt. Mitverzeichnet und -ediert wird alles in die Notizbücher Eingelegte: aus anderen Notizbüchern stammende Blätter, Zeitungsausschnitte, Typoskripte, Fotos, Gedrucktes etc. Diese Einzelblätter gehören physisch nicht zum Notizbuch; zudem scheint sich ihr Standort teilweise erst in späterer Überlieferung zufällig ergeben zu haben. Sie werden daher nicht (wie bisher) an ihrem jetzigen Fundort zwischen den Seiten gezählt, sondern im Anschluß an das jeweilige Notizbuch. Der Standort wird im Archiv wie in der Edition natürlich genau dokumentiert – etwa in der Form »Bl. 37 (liegt zwischen 16V und 17R)«. Eine Synopse alter und neuer BBA-Signaturen wird der Edition beigegeben. Restaurierung Notizbücher wie Einzelblätter befinden sich in teilweise sehr schlechtem Zustand. Das rührt zunächst von Brecht selbst her. Er trug die NB häufig mit sich herum, riß Lagen, Blätter oder Teile von Blättern heraus, knickte die Hefte etc. Anders als im Produktionsprozeß später angesiedelte Manu- und Typoskripte, um die er sich manchmal bis zur Fetischisierung ästhetisch bemühte (vgl. z.B. Brechts Eintrag im Journal vom 12.4.1941), waren ihm die Notizbücher etwas Ephemeres, eindeutig Nicht-Werkhaftes und für sich auch Nicht-Werthaftes, vielmehr immer erst zu Verwertendes. Sie verdienten keine besondere Sorgfalt oder ästhetische Aufmerksamkeit. Teilweise sind Schreibmittel (Blei- und Farbstift, Tinte und Kugelschreiber), Papier und Bindung bzw. Heftung (rostende Metallklammern) von schlechter Qualität. Hinzu kam in der Frühzeit des Bertolt-Brecht-Archivs, als die Notizbücher verzeichnet wurden, eine unprofessionelle Anbringung der Signaturen. Sie wurden auf Papierstreifen gestempelt und diese mit Klarsicht-Klebstreifen auf jedes beschriebene Blatt geklebt. Das führt einerseits dort, wo sie sich gelöst haben, zu einer nur über die Kopien rekonstruierbaren Zählung, da auf den Blättern selbst nichts steht; andererseits aber, und das ist das eigentliche Problem, durch das Auslaufen des Klebstoffes zum Zusammenklumpen der Seiten. Auch wurden schadhafte Stellen mit unzulänglichen Mitteln (Klebstreifen etc.) ausgebessert. Jedes zu edierende Notizbuch und Einzelblatt geht daher vor der Edition durch die Hände eines Restaurators. Reproduktion Der Gesamtbestand des Brechtschen Nachlasses liegt bisher im BBA in Form von Arbeitskopien vor. Es sind Rückvergrößerungen der Schwarz-Weiß-Fotografien, die 1957/58 angefertigt wurden und heutigen Anforderungen nicht mehr genügen. Die gleichzeitig hergestellten Kopien wurden im Verhältnis zum Original in wechselndem Maßstab verkleinert oder vergrößert. Angaben dazu fehlen ebenso wie zu Schreibmitteln oder -richtung. Zudem befinden sie sich in teilweise deplorablem Zustand. In vielen Fällen sind sie geradezu unlesbar und müssen dringend ersetzt werden. Daher werden nach der Restaurierung der Notizbücher und Zusatzblätter von allen Informationen enthaltenden Seiten (Umschläge, Seiten mit Etiketten, Eintragungen, Zeichnungen etc.) digitale Farb-Aufnahmen gemacht. Nur völlig leere Seiten, insbesondere (wie in den Notizbüchern häufig) mehrere hintereinander, werden nicht eingescant. Wie die Restauration trägt auch die Reproduktion zur Bestandssicherung bei. Die Aufnahmen werden in den meisten Fällen eine Konsultation des Originals überflüssig machen und dieses damit schonen, und sie werden als Aufnahme und Sicherung des status quo dienen. Im schlimmsten Fall kann das Original verlorengehen oder zerstört werden – dann existieren weiterhin bestmögliche Kopien. Aber auch im besten Fall nimmt der Informationsgehalt der Textträger langsam ab: Bleistift verwischt, Tinte verblaßt, Papier löst sich auf, bröckelt oder bricht etc. Durch die Aufnahmen wird das aktuell noch Erhaltene und Erkennbare dokumentiert und gesichert. Die Reproduktionen werden im Archiv elektronisch und auf Papier zugänglich gemacht und können zum großen Teil die bisher dort verwendeten Arbeitskopien ersetzen. Allerdings nicht immer: in einzelnen Fällen ist auf den Originalen manches kaum noch erkennbar, was auf den Archivkopien aus den 1950er Jahren noch deutlich sichtbar ist. Zudem enthalten manche dieser Kopien unersetzliche Informationen (z.B. Transkriptionen und Kommentare von Elisabeth Hauptmann). Diese Blätter müssen auch weiterhin berücksichtigt und nun ihrerseits als Archivalien erfaßt und verzeichnet werden.
4. Editionskonzept Die Edition der Notizbücher Brechts will -
die Materialien (Originale) konservieren Sie wird damit zentralen Brechtschen Paradigmen (Materialismus, Sozialismus, Dialektik, Rationalität, Pragmatismus, Antiindividualismus, Phänomenologie) entsprechen und erstmals eine angemessene Rezeption seines Schreibens ermöglichen. Reproduktion, Transkription und Kommentar Im Zentrum der Edition steht die Reproduktion der Originale auf dem neuesten buch- und computertechnischen Stand. Die Transkription versteht sich als Lesehilfe zur Reproduktion; sie will zu dieser hinführen, sich aber nicht (als vermeintlich klarer, informativer, problemloser o.ä.) an ihre Stelle setzen. Sie ist ein Lesevorschlag, gewonnen in einem vom Ganzen zum Einzelnen und vom Einzelnen zum Ganzen hin- und hergehenden Entzifferungsprozeß. Dieser hermeneutische Zirkel kann aus mehreren Gründen nicht einfach ›rund laufen‹: - In
Brechts Handschrift sind einzelne Buchstaben oft nicht
identifizierbar und nur durch das Wortbild (die Gestalt)
und den vermuteten Sinn des Kontexts wahrscheinlich oder plausibel
zu machen Unsicherheiten und ungeklärte Stellen werden daher in jeder Transkription bleiben. Sie sollen nicht kaschiert, sondern (in Herausgeberkommentaren) thematisiert und (in den Reproduktionen) kontrollierbar gemacht werden. Brechts Notizbücher enthalten in keiner Weise problemlos zitier- oder konsumierbare Texte. Sie sind der Ort, an dem sich die Produktion zuerst materialisiert und im Schreiben Spuren hinterläßt, und sie sind die grundsätzlich nur für die Augen des Schreibers bestimmte Sammlung dieser Spuren: sein Privatarchiv. Beides soll gleichsam stereoskopisch möglichst adäquat erschlossen und allgemein zugänglich gemacht werden. Die Transkription ist diplomatisch: sie soll dem Befund des Schriftbildes als Sediment und Dokument des Geschriebenen topographisch möglichst gut entsprechen und dieses lesbar (nutzbar) zu machen. Ein ›Lesetext‹ wird nicht konstituiert. Der Kommentar dagegen ist genetisch orientiert: er erläutert, soweit nötig und möglich, das Schreiben als Prozeß und rekonstruiert Zusammenhänge zwischen Aufzeichnungen und Texten. Die Transkription wird an den Originalen im BBA erstellt. Zusätzlich werden die alten Archivkopien sowie die neuen Scans herangezogen – jene, weil sie in Einzelfällen mehr Informationen als die Originale enthalten (s.o.), diese, weil durch Vergrößerung und Kontrastierung am Bildschirm manches deutlicher als am Original werden kann. Die im BBA vorhandene Arbeitstranskription von Herta Ramthun dient zur Kontrolle. Buchedition Die Notizbücher enthalten unterschiedlich viele, teilweise nur wenige beschriebene Seiten. Eine Edition in Einzelbänden ist daher nicht sinnvoll. Um dennoch den Charakter der Notizbücher als (sehr individuelle) Einzelobjekte wiederzugeben, werden sie separat in einzelnen Heften gebunden und in zwölf Schubern mit einer voraussichtlichen Gesamtseitenzahl von je ca. 500 bis 750 Seiten zusammengefaßt. So ist es zugleich möglich, der Art ihrer ursprünglichen Verwendung – neben- und miteinander – und der Tatsache, daß ihre chronologische Folge im Einzelfall nicht feststeht, gerecht zu werden. Dieses Verfahren bietet darüber hinaus den Vorteil, den Kernbestand der Edition (Reproduktion, Transkription, materiale Beschreibung) von der zeitabhängigeren (weitaus geringeren Halbwertszeiten unterliegenden) Kommentierung zu trennen. Das Format ist so gewählt, daß die meisten Notizbücher in Originalgröße reproduziert werden können (180 x 275 mm). Nur für sechs (NB 3, 27-30 und 44) wird eine maßstäbliche Verkleinerung um 10-20 % nötig, die die Lesbarkeit jedoch nicht beeinträchtigt. Jedes Text-Heft enthält Schwarz-Weiß-Reproduktionen aller Informationen enthaltenden Seiten eines Notizbuchs (inkl. Beilagen), eine auf gegenüberliegender Seite angebrachte diplomatische Transkription als Entzifferungshilfe, dazu weitere unmittelbar zu Schreibprozeß, Schreibmitteln und Entzifferung gehörende Informationen (Herausgeberkommentare) sowie im Anhang eine genaue Textträgerbeschreibung. Der Kommentar (ein Heft pro Schuber) umfaßt eine Übersicht bisheriger Editionen resp. Publikationen, den Überblicks- und Stellenkommentar sowie einen Anhang (Synopse der Zählungen/Signaturen, Chronologie, Bibliographie, Register etc.). elektronische Edition Die DVD (oder ein ähnliches Speichermedium), die jedem Kommentarheft beigelegt wird, ist nicht als bloße Digitalisierung der Buchausgabe, sondern als ihr Komplement konzipiert. Hier werden die Reproduktionen, dem aufgeschlagenen Notizbuch entsprechend, als Doppelseiten in Farbe wiedergegeben. Die Transkription ist als ein- und ausschaltbares Fenster darüber- oder danebenzulegen. Zudem werden weitere ausgewählte Bezugstexte (insbesondere aus Notizbüchern stammende Einzelblätter) und zur Kommentierung aufschlußreiche Manu- und Typoskripte des Nachlasses nach gleichen Kriterien wie die Notizbücher selbst (Reproduktion, diplomatische Transkription, Objektbeschreibung, Kommentar) erfaßt. Die so entstehende Bilder- und Datenbank ist kumulativ; die jeweils letzterschienene DVD wird alle bisherigen enthalten und aufheben. Auf diese Weise werden nicht nur Wort- und Stringsuche über den gesamten erfaßten Bestand und verschiedene Zoom- und Kontrastierungsverfahren möglich, sondern auch eine laufende Ergänzung des Kommentars um oder Korrektur durch neu gewonnene Erkenntnisse. Im Internet – auf den Seiten des Instituts für Textkritik und der Akademie der Künste – werden schon während der laufenden Editionsarbeiten einzelne oder ganze Gruppen erfaßter Textträger zugänglich gemacht. Damit soll ein Beitrag zur aktuellen Forschung geleistet und umgekehrt um solche Beiträge geworben werden. Im Idealfall könnte so eine kollektive Kommentierung möglich werden.
5. Publikationsplan Im Jahr 2007 wird Band VII mit den Notizbüchern 24 und 25 im Suhrkamp Verlag erscheinen, den Zeitraum 1927 bis 1930 umfassend. In dieser Zeit findet und formuliert Brecht die philosophischen (dialektischen, materialistischen) Grundlagen und den (pädagogischen, revolutionären) Sinn seiner gesamten Produktion. Die Notizbücher dieser Zeit sind Ausgangspunkt und Materiallager der Versuche-Reihe, dem »im Sinn von Benjamins Marxismusverständnis theologischen Glutkern« der Arbeit Brechts (Heiner Müller). Die beiden Notizbücher stehen nicht nur numerisch in der Mitte der Reihe der Notizbücher, sie spiegeln auch die entscheidende Umbruchszeit der Entwicklung Brechts und sind damit als Einstieg in die Edition besonders geeignet. In NB 24 finden sich insbesondere Aufzeichnungen zu »Fatzer« und »Dreigroschenoper«, daneben Dramenkonzepte und -entwürfe, Gedichte und Verse, theoretische und tagebuchartige Notizen und diverse Adressen. NB 25 enthält u.a. Eintragungen zu »Lehrstück«, »Fatzer«, »Mann ist Mann«, »Brotladen« und »Mahagonny«, dazu weitere Stückpläne und -konzepte, Aphorismen, literaturtheoretische, kritische und philosophische Texte, »Keuner«-Geschichten, Rezepte zur Körperpflege und Diät etc. Nichts davon ist adäquat publiziert, vieles noch gar nicht. Danach soll Band I erscheinen; die Editionsarbeiten werden sodann chronologisch vorangehen. Der Publikationsrhythmus soll bei etwa einem Band pro Jahr liegen.
6. Kontaktadresse Dr.
Peter Villwock |
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