Briefwechsel

156.

Wien, den 12. Mai 1817.

Ihr letztes Schreiben, mein theurer Freund, überzeugt mich von Neuem, daß wir uns in einem Kreise herumtreiben, aus welchem weder Ihr Genie, noch mein guter Wille mir einen Ausweg bahnen können. Ich halte die Vernunft keinesweges für ein bloßes Vermögen der Wahrnehmungen – dann wäre sie freilich nur thierisch zu nennen; – ich halte sie für die wahre und mir bis jetzt einzig bekannte Quelle aller Erkenntniß. Ob es neben der Vernunft, oder über der Vernunft noch andere höhere Erkenntnißquellen gibt? – das ist die Frage, an der ich stets scheitere und über welche ich mich nie habe hinausschwingen können. Gegen den falschen Glauben bin ich gerüstet genug; es fehlt mir aber durchaus an einem für mich gültigen Merkmal, den wahren vom falschen zu unterscheiden; jenseits der Grenzen der Vernunft scheint mir alles gleich unsicher und schwankend; und wenn ich sehe, daß Andere auch da noch auf festem Boden stehen, so bleibt mir nichts übrig, als zu erklären, daß sie einen Sinn haben müssen, der mir abgeht und den ich mir nicht beizulegen weiß. Daß das, was Sie den wahren Glauben nennen, den Menschen nur unmittelbar, ohne irgend eine Vermittelung der Vernunft, ergreifen kann, halte ich für gewiß; damit komme ich aber um kein Haar weiter; denn so lange mir keine Flügel wachsen, kann ich nicht fliegen, wenn ich mir auch den Genuß, der in höheren, mir unzugänglichen Regionen zu finden seyn mag, noch so reizend und noch so erhaben vorstellen will.

Ich fühle, daß das, was ich über diesen Gegenstand sagen kann, Ihnen so fremd und so widerwärtig vorkommen muß, daß ich kaum weiß, wie ich sorgfältig genug meine Worte wählen soll, um Ihnen nicht gar zu großes Aergerniß zu geben. Auch hätte ich diese ganze Erörterung, deren Wichtigkeit ich zwar lebhaft fühle, deren Fruchtlosigkeit aber mir zum voraus eingeleuchtet hatte, nie unternommen, wenn Sie mich nicht, von den wohlwollendsten und edelsten Motiven getrieben, förmlich dazu aufgefordert hätten.

Da wir einmal in diesem Centralpunkte aller Discussion soweit von einander abweichen, so ist es nicht zu verwundern, daß wir auch die menschlichen Dinge und Probleme aus sehr verschiedenen Standpunkten betrachten. Hier erlaube ich mir aber, Ihnen freimüthig und unverholen zu <244:> sagen, daß, wenn ich auch (wie ich allerdings thue) Ihre religiösen Gesinnungen und Ansichten völlig unangetastet lasse, und sogar (ohne sie zu theilen noch zu verstehen) im höchsten Grade respectire, dennoch die Grundsätze, nach welchen Sie in der letzten Zeit Politik, Gesetzgebung, Finanzwissenschaft u.s.f. behandelt haben, mir selbst durch Ihr religiöses System – mit dem man freilich viel wagen kann – nicht gerechtfertigt scheinen.

Ein Schriftsteller, den Sie nicht verleugnen werden (Schlosser), sagt: „Eine rationelle Bildung, wenn sie zu einseitig und über ihre Grenzen gesteigert ist, fordert ganz eben so ihre traditionelle Ergänzung, wie umgekehrt eine traditionelle Bildung, wo sie erstarrt und der Natur des Menschen entfremdet ist, rationelle Belebung fordert.“ Dieß ist die Quintessenz meiner jetzt zur Reife gediehenen Weltansicht. Auf welcher von beiden Seiten in jedem gegebenen Zeitpunkt das Gleichgewicht bedroht sey, darüber kann zuweilen Zweifel und Zwiespalt obwalten. Zu der Zeit, wo ich den politischen Schauplatz betrat, schien es wirklich darauf abgesehen, das traditionelle Element ganz zu verdrängen und dem rationellen die Alleinherrschaft zu bereiten. Gegen dieses falsche Bestreben bin ich zu Felde gezogen; und wenn ich gleich in der Hitze des Gefechts manchmal zu weit gegangen seyn mag, so wird man mir doch nicht leicht zur Last legen können, daß ich aus Furcht vor der Scylla meine Augen gegen die Charybdis je völlig verschlossen hätte. Daß die Lage der Dinge sich in den letzten Jahren wesentlich geändert hat, geben Sie zwar nicht zu, scheint mir aber unverkennbar; denn obgleich eine Menge wüster Schreier und Schreiber noch immer die Revolutionsposaune anstimmen, so neigen sich doch fast alle bedeutenden Köpfe auf die Seite des Traditionellen, nach welcher ohnehin die sämmtlichen bestehenden Regierungen (die ich für mächtiger halte als je) gravitiren. Das Gleichgewicht ist auf der rationellen Seite bedroht; ein Satz, den ich hier nur als meine Privatmeinung aussprechen kann, den ich aber faktisch und historisch deduciren zu können glaube. Da indessen eine lange Erfahrung mich gelehrt hat, wie sehr man sich in diesen delicaten Fragen irren, und wie gefährliche Mißgriffe man begehen kann, wenn man einer irrigen Prämisse zu viel traut, so suspendire ich gern noch mein Endurtheil. Dieser Zustand von gewissenhaftem Zweifel ist übrigens der Hauptgrund meiner jetzigen Abneigung gegen allen thätigen Antheil an der Schriftstellerei; eine Abneigung, die außerdem auch noch andere, von Ihnen leicht zu errathende Gründe hat. <245:>

Wenn ich nun in dieser Stimmung lese, was Sie schreiben, liebster Freund, wie wäre es, bei aller meiner Liebe zu Ihnen und bei aller meiner Freude an Ihrem Geiste, möglich, daß ich mit Ihren Lehren harmonirte? Ich habe in dem revolutionären Gange der Zeit nie den natürlichen und verzeihlichen Wunsch, aus einem schlechten Zustande zu einem bessern zu gelangen, wohl aber das einseitige und anmaßende Princip, die Welt von frischem wieder anzufangen, gehaßt. Wenn Sie nun, eben so einseitig, anmaßend und schneidend, die Antirevolution predigen, alle Bestrebungen und alle Produkte dieser Zeit, die ich gewiß nicht ungebührlich bewundere, mit bitterem Hohn verwerfen und ganz unumwunden die Kirchenverfassung, und Lehnsverfassung, und Dienstverfassung, und Geldverfassung, und Handelsverfassung u.s.w. vergangener Jahrhunderte zurückfordern – und daß alle Ihre Leser ohne Ausnahme Sie so verstehen, dafür bürge ich – wie sollte ich meinen eigenen Ideen solche Gewalt anthun, die Ihrigen zu billigen? Ich lese jeden Aufsatz in den Staatsanzeigen, bis auf den kleinsten, mit der größten Aufmerksamkeit; die Ihrer Mitarbeiter sogar – obgleich unter anderem der Herr v. Schütz oft wie Tartarus emeticus auf mich wirkt – bleiben nicht unbeachtet; die Ihrigen lese ich in der Regel mehr als einmal. Aber das Resultat ist immer dasselbe; jedes Heft bestärkt mich in meiner Opposition; und daß Sie mich durch Ihre harten und einseitigen Behauptungen nicht schon auf die ganz entgegengesetzte Seite geworfen haben, beweiset nur, wie fest ich selbst im Sattel sitze. Nehmen Sie dieß, ich bitte Sie recht herzlich, nicht etwa für muthwillige Bitterkeit; es ist die reine Darstellung des Effekts, den Sie bei mir hervorbringen. Das Gefühl Ihrer Superiorität, auf einem nach meiner Ueberzeugung falschen Wege, entgeht mir deshalb nicht.

Doch genug der Polemik für heute. Ich muß Sie jetzt noch auffordern, mir einen großen Dienst zu leisten. Der Fürst Dietrichstein, ein Mann, den ich eben so sehr achte als liebe, will seinen etwa 19jährigen Sohn, nachdem derselbe mehrere Jahre mit Fleiß und Anstrengung hier, si diis placet, studirt hat, auf eine fremde Universität schicken, und wünscht über die Wahl dieser Universität den Ausspruch eines Sachkundigen zu vernehmen. Er schwankt zwischen Göttingen, Leipzig, Jena, Heidelberg, Tübingen. Ueber die beiden letzteren werde ich noch besondere Erkundigung einzuziehen suchen. Schreiben Sie mir unterdessen, welcher von den norddeutschen Universitäten Sie den Vorzug geben würden, und <246:> belegen Sie Ihr Urtheil mit Gründen, damit ich etwas befriedigendes mittheilen kann. Die Sache hat ein doppeltes Interesse, da binnen Jahr und Tag der Fürst Metternich auch in den Fall kommen wird, seinen Sohn auf eine Universität zu schicken. Es liegt mir also viel daran, einen gründlichen Rath geben zu können, mit welchem man Ehre einlege. Antworten Sie mir auf diesen Punkt ohne allen Zeitverlust.

Schicken Sie mir zugleich in Ihrem nächsten Briefe – aber nicht mit der fahrenden Post, denn Ihre Vorlesungen habe ich z.B. nie erhalten – eine vor kurzem in Halle (bei Hemmerde) erschienene Schrift von Jakob über das russische Papiergeld. Sie kostet nur 1 fl. 36 kr. die Sie schon mir zu Liebe dran wagen müssen. In Büchern werde ich Ihnen freilich die Retourfracht nicht leisten können; denn so weit geht doch Ihr Enthusiasmus für unser liebes Oesterreich nicht, daß Sie sich nach unsern Literaturerzeugnissen sehnten. Leben Sie wohl, und werden Sie nicht böse auf mich.

Gentz.