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Umschlag, Vorderseite Roland Reuß (für die tschechische Ausgabe geschriebenes Vorwort)
E s fällt mir nicht leicht, die in diesem Band versammelten Texte mit einem Vorwort zu versehen, denn sie stammen aus unterschiedlichen Perioden meines Schaffens, und es ist beträchtliche Zeit vergangen, seit ich begonnen habe, mir öffentlich Rechenschaft über meine Arbeit und die äußeren Bedingungen, unter denen sie stattfindet, abzulegen. Dieses Vorwort ist eher Zwischenbericht als Rückblick. Sein Bezug zu den hier versammelten Texten besteht in der Erhellung des aktuellen Kontextes, in dem die Philologie, von der in diesem Sammelband die Rede ist, gegenwärtig stattfinden kann – oder auch nicht. Wenn man eine laufende Edition wie unsere historisch-kritische Edition aller Handschriften, Typoskripte und Drucke Kafkas fertigstellen und einige andere Vorhaben zu Hölderlin und dem Zusammenhang von Philologie und Philosophie vorantreiben möchte, kann man nicht so tun, als schreibe man vom Ruhekissen aus. Allein im Falle Kafkas haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns, die derzeit ohne jede öffentliche Förderung vorangetrieben wird. Für Kafka ist in Deutschland kraft föderaler Struktur niemand ‚zuständig‘ (ich erinnere mich noch an die pars pro toto Aktennotiz eines Kultusministeriums: „Hat keinen Hessen-Bezug“). Entsprechendes ließe sich für Tschechien und Österreich sagen. „Unbestimmter Wohnsitz“ meint Odradek in Die Sorge des Hausvaters mit einer Stimme, die klingt, „wie das Rascheln in gefallenen Blättern“, und diese Ortlosigkeit – wie das Schwanken zwischen Slavischem und Deutschem – scheint Kafka und sein nachgelassenes Werk mit Odradek gemein zu haben. Die aus den Gründen und Abgründen der mitteleuropäischen und der deutschen Geschichte insonderheit erwachsende Unzugehörigkeit vieler Autoren, die zufällig in der ‚falschen‘ Region geboren wurden: in Prag, Brünn, Königsberg, Czernowitz, Brody, etc. pp., ist aber nicht die einzige Ursache, weshalb unsere Edition und die Publizistik, die aus ihr erwuchs, seit ihrem Anfang am 1. Januar 1995 kämpft, d. h., viel Energie braucht (und diese Energie auch schützen muß). Unser Insistieren auf der gedruckten Edition, auf dem materiellen Körper des Buches, als der – allen ‚stable link‘-Versprechen zum Trotz – allein wetterfesten Überlieferungsweise, lief seit dem von der Wissenschaftsbürokratie von oben nach unten durchgedrückten Digitalregime mindestens in zwei Bereichen auf einen Konflikt hinaus. In der Frage der Organisation der Arbeit einerseits, in der Frage nach der souveränen (oder eben nicht so souveränen) Entscheidung des Wissenschaftlers über den ‚Kanal‘, mit dem er mit seinen Lesern zu kommunizieren gedenkt, andererseits. *
Was die Organisation der Arbeit anlangt, bedeutet jede ‚digitale‘ Edition zunächst eine Umkehrung des τέλος in der Herstellung. Gedacht wird nicht mehr von einem stabilen Endprodukt (Buch) her, sondern von etwas strukturell Manipulierbaren (Daten). Indem die Weiterverarbeitungs- und Konvertierbarkeitsvorstellung alphanumerischer Zeichen die Editionsarbeit dominiert, ändert sich der gesamte Arbeitszusammenhang. Zunächst darin, daß zusätzliche, meist junge Wissenschaftler eingestellt werden, deren Haupttätigkeit ‚Codieren‘, und nicht primär Edieren ist. Der Schwerpunkt verschiebt sich dadurch. Der menschliche Leser, sein Erkenntnisinteresse und seine Kohärenz im Verstehen anstrebende Lektürepraxis tritt dabei immer mehr in den Hintergrund. Von der seit Jahrtausenden eingeübten hermeneutisch-dialektischen Auseinandersetzung mit den überlieferten Dokumenten, der Erarbeitung von Vorschlägen je individueller Lösungen der Darstellungsfragen, die aus dieser Auseinandersetzung folgen, entfernt sich die Arbeit hin zu einer nicht menschen-, sondern technikbezogenen Aufgabenstellung. Τέλος ist jetzt die Herstellung eines – wie es als ahumane Metapher schon nicht mehr durchschauten Phrase heißt – ‚maschinenlesbaren Textes‘. Das führt in jedem zeitlich begrenzten Arbeitsprozeß zu einer mißlichen Situation. Alle Zeit, die in die Koordination und Ausführung der Computerarbeit fließt, ist für die eigentliche editorische Arbeit – die nicht ‚Codieren‘ ist – verloren. Zusätzliches Personal einstellen, ist hier nur scheinbar eine Hilfe, denn je mehr Leute man für ‚Codierung‘ zur Verfügung hat, umso mehr Supervision und organisatorische Koordination wird notwendig werden, damit nicht Zentrifugalkräfte dominant werden. Die Folge ist auch hier Zeitverlust, der die primär philologische Tätigkeit beeinträchtigt. Und man darf dann schon einmal fragen, was für eine Edition wichtiger ist: die kulturell und auf verstehende Vermittlung ausgerichtete Arbeit an den überlieferten Zeugen oder perfekte Zulieferung für Korpuslinguistik und sogenannte künstliche Intelligenz. Hinzu kommt, daß die philologische Unterwerfung unter einen maschinellen Rahmen, der strikt standardisiert sein soll (TEI/XML), mit Einbußen an freier, kritischer Urteilskraft verknüpft ist. Das ist vielleicht nicht sofort offensichtlich, aber wegen der Vernachlässigung der hermeneutischen und vermittelnden Aktion zwangsläufig. Vor allem aber ist es nicht mehr möglich – sollte der Gegenstand das erforderlich machen –, den Sinn der von den Maschinen vorgegebenen technischen Rahmen selbst in Frage zu stellen. Ein auffälliges Symptom für die sterile Ödnis, die aus dieser Situation erwächst, ist das fast vollständige Ausbleiben grundlegender Auslegungsdebatten, die aus einer neuen Edition folgen könnten. Man vergleiche nur die regen und kontroversen öffentlichen Diskussionen um Hölderlin, Kleist und Kafka, die das Erscheinen der Stroemfeld-Editionen provoziert hat, mit der nahezu völligen Resonanzlosigkeit aktueller ‚digitaler Editionen‘. Das ist das folgerichtige Resultat, wenn Literatur digital in den vorab gesetzten Rahmen ‚verwaltet‘ wird und nicht – dies einer der Hauptgesichtspunkte unserer Arbeit – um die Durchsetzung eines anderen Werkzugangs für alle Leser und nicht nur für ‚Computerphilologen‘ gekämpft wird. Wenn aber die Energie nicht da ist, das Bild eines Werkes in der Öffentlichkeit richtigzustellen oder einen Autor überhaupt erst bekannt zu machen – warum investiert man als Wissenschaftler mit einer guten Motivation so viel Lebenszeit in das Befüllen einer Datenbank? Die Bewilligung von Anträgen und das ‚Einwerben von Drittmitteln‘ darf als Erleichterung der Arbeit gewiß nicht unterschätzt werden; das darf aber nicht zum Selbstzweck werden und sich vor die eigentliche Aufgabe der Erschließung eines Werkes in einen öffentlichen Raum hinein schieben. Zum Schwur über die Stärke der Kernmotivation kommt es, scheitern die Anträge. Symptomatisch für die Dürre des aktuellen Feldes ist aber auch die Unfähigkeit, Begriffe im Hinblick auf ihre Darstellungskraft grundsätzlich zur Disposition zu stellen (‚Variante‘, ‚Fassung‘, ‚Text‘, ‚Entwurf‘ fallen mir ein). Mit der Entscheidung der öffentlichen Geldgeber, digitale Editionsprojekte nicht nur privilegiert zu fördern, sondern die Editoren dazu zu zwingen, die gesetzten Rahmen der Datenbankbewirtschaftung zu bedienen, schwindet – und das ist ein empirischer Befund – der Resonanzraum für grundsätzliche methodische, und das heißt letztlich: begriffliche Diskussionen in der Philologie. Wenn der digitale Rahmen einer Datenbankerfassung historisch überlieferter Dokumente als unwiderruflich gesetzt ist und dogmatisch festgehalten wird, ist es wahrscheinlich in der Tat einfacher, Termini zu ‚definieren‘ als Begriffe dialektisch in Bewegung zu bringen. Daraus resultiert eine paradoxe Umkehrung der bis an die Jahrtausendwende existierenden Situation: War zuvor die von der Philologie übernommene Aufgabe, die überlieferte chaotische Textbasis zu ordnen, sie über Drucke zu sichern und zu dislozieren und die angemessene Begrifflichkeit und das aus ihr resultierende Darstellungsverfahren aus der Individualität des Gegenstandes zu entwickeln, so ist es nun – umgekehrt – die digital erstellte atomare Textbasis (letztlich: Lexikologisches), die bis zur je nächsten Konvertierung flüssig (und damit manipulierbar) gehalten werden soll, die in Anschlag gebrachten Begriffe dagegen sind mehr oder weniger starr aus den Rahmen der Digitalvorgaben deduziert. Die Lebendigkeit der Auseinandersetzung mit der Tradition ist das erste Opfer dieser Förderstrukturen. Wenn man bedenkt, daß die ersten Vorhaben, die Edition von einer Datenbank her konzipierten, mit dem expliziten Wunsch der Geldgeber einhergingen, die angebliche Technikfeindlichkeit der Geisteswissenschaftler zu bekämpfen (vero: sie denkerisch zu disziplinieren und in die IT-Domäne zu integrieren), kann man auf die Idee kommen, daß genau das der Plan war. Die Vorstellung der damals noch experimentierenden Editoren, man könne innerhalb der technischen Rahmen diese transzendieren, war naiv. Man hat de facto eine Form des Studiums und der konzentrierten, oft auch widerständigen Lektüre destruiert, deren Geist jetzt an allen Ecken und Enden fehlt. Das zweite Opfer der aktuellen Entwicklung, die durch die sogenannte künstliche Intelligenz bestimmt wird, sind die an den Digitalprojekten abhängig Beschäftigten. Erhält ‚Codieren‘ über äußere ‚Anreizstrukturen‘ (‚incentives‘) innerhalb der Editionen einen Stellenwert, der nicht mehr gegenüber der Archivarbeit, der Schulung der genauen Beobachtung, der ständigen – wie Hegel das zutreffend nannte – ‚Anstrengung des Begriffs‘ abgewogen und ausbalanciert wird, schwemmt die technische Entwicklung, der man sich vertrauensvoll (und wegen der Verheißungen, die sie kontinuierlich ausstieß) unterworfen hatte, genau jenen Ausbildungs- und Karierrevorteil hinweg, den man sich vom ‚coden‘ versprochen hat. Tendenziell kann die Maschine das jetzt schon besser, und die Nische, die man für ‚zukunftssicher‘ hielt, wird immer enger, bis sie dann, am Ende, überhaupt verschwindet. Es fällt schwer, bei dieser Entwicklung, in der eine ganze Generation motivierbarer und motivierter Studenten durch falsche Versprechen und eine technologische Phantasie von Philologie vernutzt wurde, nicht zynisch zu werden. Und man darf dann doch noch einmal fragen, was die nun seit geraumer Zeit ‚gepushte‘ und nie einer Kritik zugeführte Phrase von den ‚Digital Humanities‘ eigentlich bedeuten soll. Denn die Philologie bleibt die Philologie, gleichgültig, welcher Mittel zur Darstellung ihrer Quellen sie sich bedient. Bei Aristarch noch war das Kalamos bzw. Stylos und Pergament (‚Kalamos/Parchment Humanities‘?), später dann auch Bleistift und Papier (‚Pencil/Paper Humanities‘?), irgendwann einmal die Schreibmaschine (‚Typewriter/Paper Humanities‘?), dann der digitale Apparat. Wann ist also begriffen, daß ‚Digital Humanities‘ das auf die geisteswissenschaftlichen Bereiche der Universitäten zugeschnittene ‚buzzword‘ einer bestimmten Industrie und einer an sie angeschlossenen Bürokratie ist, die kritisches, und, das heißt: freies Nachdenken durch die Abhängigkeit von dissoziationsfördernden Maschinen zu schwächen sucht? *
Es ist leicht zu sehen, daß das zweite große Konfliktfeld – die Frage, wer das Recht hat, über das Publikationsmedium entscheiden zu dürfen – mit diesen technischen Entwicklungen und dem bürokratischen octroi, ihre Verbindlichkeit zu erzwingen, direkt zusammenhängt. Urheberrechtlich ist das eigentlich geklärt (wenngleich viele forschungsfördernde Institutionen so tun, als ginge sie das nichts an): Nach den europäischen Urheberrechtskonventionen entscheidet der Autor eines Werkes – und der Editor hat Autorenstatus – über den ‚Kanal‘, mittels dessen er mit dem Publikum kommuniziert. Falls er der begründeten Auffassung ist, seine Edition mit einem Laser in Granit einzufräsen, ist das vielleicht unklug und teuer, aber es ist juristisch eingeräumt, daß ein Autor eine solche Entscheidung treffen kann. Und es können Situationen eintreten, in denen es weder unklug noch zu teuer ist, so zu verfahren. Anders als manche Fördereinrichtungen, die sich an digital-ideologischen politischen Vorgaben ausrichten, kann für den Philologen mit ‚Publikum‘ eben nicht nur das gegenwärtige, sondern auch das zukünftige gemeint sein, und aus diesem Grund könnte eine solche extreme Publikationsform für manche Gegenstände der editorischen Arbeit durchaus sinnvoll sein. Die Regel wird aber nicht das erwähnte Extrem, sondern eher ein Buchdruck sein, wenn das Ergebnis editorischer Arbeit auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen soll, nicht jedoch ein ‚digitales Werk‘. Nach nunmehr über zwanzig Jahren Erfahrung mit ‚digitalen‘ Editionen kann nämlich festgehalten werden, daß viele der mühevoll erstellten Netzpublikationen (aus den verschiedensten Gründen) nicht mehr erreichbar sind. Die hier doch sehr wichtige Frage, wer langfristig Konvertierungen bei neuer Servertechnologie bezahlt, ist nämlich nie in den Kostenansatz derartiger Vorhaben einbezogen worden – aus dem einfachen Grund, weil zukünftige Kosten prinzipiell nicht zu berechnen sind (und zudem Abschlußberichte geschrieben werden müssen …). Das unterminiert aber schon als ökonomisches Faktum die geforderte Nachhaltigkeit solcher Arbeit im Kern und wirft nachfolgend die Frage auf, ob es sich im strikten Wortsinn überhaupt um eine vollgültige wissenschaftliche Publikation handelt, die man in dieser Medialität vorlegt. Zu deren Begriff gehört es, langfristig verfügbar zu sein und kontinuierlich diskutiert werden zu können, wobei unter ‚langfristig‘ nicht ein Zeitraum von weniger als 100 Jahren verstanden werden kann. Aus diesem Gesichtspunkt der Fragilität der Überlieferung qua Nullen und Einsen ist deshalb der Übergriff auf die freie Wahl des Publikationskanals durch den Wissenschaftler auch wissenschaftsethisch nicht zu rechtfertigen. Editoren, die den Versprechungen der ‚Digital Humanities‘-Modelle gefolgt sind, werden zunehmend häufiger mit der Situation 404 konfrontiert werden, daß auf die von ihnen unter Einsatz von Lebenszeit und viel Mühe erstellten Werke nicht mehr (wie es im Fast-schon-Polizeijargon der ‚community‘ heißt) ‚zugegriffen‘ werden kann. Wie will man aber gegenüber einem solchen Forscher begründen, warum er ein Publikationsmodell verfolgen soll, das Produkte hervorbringt, über deren anhaltende Präsenz im wissenschaftlichen Diskussionsraum keine Vorhersage gemacht werden kann? In Bewerbungskontexten innerhalb und außerhalb der Universität kann die Nichtverfügbarkeit einer wichtigen Publikation fatale Folgen haben. Förderrichtlinien von Stiftungen, Vereinen oder Ministerien, die diese ungeklärten Fragen der Langzeitverfügbarkeit als bedeutungslos vom Tisch wischen, handeln gegenüber solchen Forschern unverantwortlich. Auch aus dieser Perspektive (und nicht nur aus Gründen, die im Urheberrecht zu finden sind) hielte der Zwang zu einer bestimmten Publikationsform einer juristischen Prüfung nicht stand. Niemand darf dazu gezwungen werden, sich selbst zu schaden. *
Zuletzt läuft beim Gelingen editorischer Arbeit (wie beim Leben überhaupt) alles auf die Energie hinaus, die vorhanden sein muß, wenn etwas Sinnvolles resultieren soll. Gegenwärtig ist sie in dem, was man sich angewöhnt hat, ‚intrinsische Motivation‘ zu nennen. Und sie hat, tritt sie zutage, immer etwas Spielerisches. Plotin hat das in der Enneade III 2 ausgeführt, wo er den Satz, Leben überhaupt sei Energie, Aktivität (Πᾶσα δὲ ζωὴ ἐνέργεια), die im Prozeß den Gegenständen überhaupt die ihnen angemessene Form gebe, erläutert. Fehlt sie, nützen auch voluminöse ‚Förderrahmen‘ nichts. Die zwanzig Bände der historisch-kritischen Brandenburger Kleist-Ausgabe haben wir zu zweit mit zwei Hilfskräften (mehr braucht es nicht) in zwanzig Jahren (länger brauchte es nicht) herausgegeben, die ersten fünf Bände ohne jede öffentliche Förderung. Die Edition der „Berliner Abendblätter“ war begleitet von einer CD mit Zusatzmaterial (Archiv der Zeitungsquellen Kleists) in Gestalt von pdf-Dateien – zu einem Zeitpunkt, als nur wenige wußten, was das sein sollte. Es ist deshalb auch sinnlos, unseren Widerstand gegen den Verwertungs- und Vernutzungszusammenhang der ‚Digital Humanities‘ als Ausdruck von Technophobie zu kritisieren. D. E. Sattler und wir waren die ersten, die komplizierte Manuskript-Umschriften am Computer setzten (Sattler zuvor schon am IBM-Composer), lange, bevor das üblich wurde. Wir haben das gemacht, weil wir das im konkreten Fall für richtig und sachangemessen hielten, nicht weil uns eine besserwisserische Fördereinrichtung dazu angehalten hat. Die Kritik ist eine Kritik des bürokratischen Übergriffs in Autorenrechte und des Versuchs, Editoren zum Konformismus hin zu treiben und ihre Energie zu schwächen. Es ist in hohem Maße inkonsistent, Philologen zuzutrauen, komplizierte Handschriften wissenschaftlich erschließen und sinnfällig analytisch darstellen zu können, zugleich aber ihnen die Entscheidung darüber abzusprechen, in welchem Medium sie diese Ergebnisse publizieren wollen. Editorische Initiativen, die Individuen ergreifen, sind in der Sache zu prüfen – und zu fördern, wenn die Sache sinnvoll erscheint. Was sie nicht sind: Auftragsarbeiten. Förderinstitutionen sind nicht Arbeitgeber abhängig Beschäftigter. Falls sie sich doch so verstehen, ist das Anmaßung. Der Abschluß der Brandenburger Kleist-Ausgabe war möglich, weil im Arbeitskontext eines kleinen, sachlich und auch persönlich engagierten Verlags die Energie existierte und sich fortpflanzte, die notwendig war, um historisch-kritische Gesamtausgaben fertigzustellen. Im letzten Aufsatz dieses Sammelbandes – über Edition und Öffentlichkeit – habe ich diesen Kontext etwas genauer beschrieben. Es ist uns gelungen, die Energie, die für einen speditiven Forschungsprozeß notwendig ist, auf die Arbeit in der Kafka-Ausgabe zu übertragen. Versuche, ihr diese Lebendigkeit durch bürokratische Eingriffe oder andere Schikanen zu rauben, werden scheitern. Wir heben die „gefallenen Blätter“ wieder auf. Versprochen.
Heidelberg, August 2026
Roland Reuß / Edice a veřejnost / Klappentext vorne Das Buch ist eine tschechische Auswahl aus den Studien des Heidelberger Germanisten Roland Reuß. Es umfasst Aufsätze und Artikel aus den Jahren 1989–2018, die in vier Abschnitte gegliedert sind. Im ersten Abschnitt sind Abhandlungen zu allgemeinen Fragen der Textkritik zusammengestellt. Reuß betrachtet die Philologie in philosophischen Zusammenhängen und interpretiert sie als eine sensible und aufmerksame Offenheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand. Die Textkritik ist in seiner Auffassung kein Teilbereich der Literaturwissenschaft, sondern die grundlegende Basis, eine notwendige Voraussetzung für alle weiteren, unterschiedlich ausgerichteten Forschungen. Bei der Untersuchung der Entstehung eines Textes, deren Ausgangspunkt das Manuskript ist, betont Reuß den dynamischen Charakter der Konstellationen unterschiedlichster Schichten und hütet sich davor, eine Abfolge einzelnen schöpferischen Vorgänge verbindlich festzulegen. Der Kommentar zu einem veröffentlichten Werk bedeutet in dieser Auffassung also keine objektiv gültige Deutung des jeweiligen Phänomens, sondern den Versuch, die Grenzen des eigenen Wissens über den kommentierten Text abzugrenzen. Reuß veranschaulicht all diese Aspekte insbesondere anhand von Werken Hölderlins und Kleists.
Der zweite Abschnitt enthält Überlegungen zum Verhältnis zwischen dem gedruckten Buch und dem digitalen Umfeld. Der Autor zeigt darin die Risiken auf, die bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten und der Herausgabe künstlerischer Texte durch die a priori bevorzugte Nutzung elektronischer Instrumente entstehen. Der Druck von Förderorganisationen und akademischen Einrichtungen, im Open-Access-Modus zu veröffentlichen, beraubt Schriftsteller und Wissenschaftler des Rechts auf freie Wahl der Publikationsplattform, gefährdet die Existenz kleiner und mittlerer Verlage und begünstigt unheilvolle Interessenbündnisse zwischen wissenschaftlicher Forschung, Industrie und Politik.
Der dritte Teil des Buches enthält eine Auswahl aus Reuß’ Studien, die die FKA begleiten, die seit 1995 erscheint. Nach den Ausgaben von Kafkas Texten aus dem Nachlass von Max Brod und nach der KKA (seit 1982) macht diese Reihe die Faksimiles von Kafkas Manuskripten (im Maßstab 1:1 reproduziert) vollständig zugänglich und ergänzt sie durch eine typografisch entsprechende Transkription des Autographs mit Anmerkungen des Herausgebers. – Den vierten Teil der Auswahl bildet eine Betrachtung, die sich mit dem öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung der editorischen Arbeit befasst und mit dem Vorwort korrespondiert, das der Autor für die tschechische Ausgabe verfasst hat.
Roland Reuß / Edice a veřejnost / Umschlag hinten
Roland Reuß / Edice a veřejnost / Klappentext hinten
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