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Briefwechsel zwischen Friedrich Gentz und Adam Heinrich Müller 1800-1829 (Stuttgart: Cotta 1857), 146f.

Gentz an Müller, Teplitz, 2. 6. 1808

Teplitz, 2. Juni 1808.

Wenn ich einen solchen Brief lese – und nachher vernehme, wofür die gute Staël mich ausgibt, so bin ich einiger Schamröthe nahe. Ich will nicht sagen, daß Sie mich dießmal überzeugt hätten; das Indiabuch lasse ich schwerlich je wieder fahren, gewiß wenigstens nicht, ehe Sie ein besseres geschrieben haben, und doch wohl auch dann nicht ganz. Aber Ihre Kritik, sowohl des Werkes als der Person, ist tief, durchdringend und fruchtbar. Ich wäre in Verzweiflung, wenn die Staël nicht sollte begreifen können, was Sie für ein Kopf sind; ich glaube aber fest, sie wird es begreifen, trotz allen Schwierigkeiten, die Sie mit so unnachahmlicher Wahrheit schildern.
Eins in Ihrer Kritik kann ich doch schlechterdings nicht durchgehen lassen: „Das Verhältniß (jener alten Urformen) zu Christo sey nicht nur nicht ausgesprochen, sondern auch nicht einmal angedeutet worden“. Ich habe das Buch nicht mehr, aber dieß scheint mir äußerst ungerecht. Ich weiß bestimmt, daß der erste und wichtigste Grund meines innigen Wohlgefallens an demselben gerade in dieser Hindeutung auf das Christenthum lag. – So ist es auch bis zur Ungerechtigkeit karg, wenn Sie von dem Styl sagen, „es sey nichts dagegen einzuwenden.“
Jetzt aber wünschte ich zu wissen, was ich aus der letzten Phrase Ihres Briefes eigentlich machen soll. Wie meinen Sie das? „Ich selbst muß Sie leider noch auf einige Zeit entbehren.“ So zu sprechen <147:> möchten Sie allenfalls Ihre guten Gründe haben, wenn ich Sie zu einer Abwesenheit von 8 Tagen einlüde. Aber einen halben Tag? Aber einige Stunden? Was soll das heißen? Gehen Sie nie mehr spazieren? Können Sie nicht mehr zum Thore hinaus?
Ich habe einen Brief von Kleist erhalten, der mich an so vielen Seiten zugleich packt, daß ich lügen und heucheln würde, lieber als gefühllos zu scheinen. Ich habe es aber, Gottlob, nicht nöthig. Das: Heil Dir! war kein Hexengeschrei; meine Idee von der Größe und Fülle des Kleist’schen Talents ist ganz dieselbe geblieben; nicht erst im Guiskard, auch schon in der – mir ewig verhaßten – Penthesilea fand ich sie wieder! Was liegt denn daran, daß ein solcher Dichter ein Paar falsche Griffe thue? er bleibt sich und seiner Nation gewiß. – Ich werde, obgleich innerlich beschämt über den viel zu großen Werth, den er auf mein Urtheil legt, mich in kurzem unmittelbar gegen ihn erklären.
Wenn Sie denn nicht nach Pirna kommen wollen, so schicken Sie mir doch einige Bücher dorthin. Unter andern würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie die beiden Jahrgänge 1806 und 7 der Europäischen Annalen auf der Ressource leihweise stehlen, und mir zukommem lassen möchten.
Sie wissen vermuthlich, daß Joseph Bonaparte König von Spanien, Louis Bonaparte König von Neapel, und Mürat König von Holland geworden ist, und daß Duport in Wien Ballette gibt. Adieu.
Gentz.
Weil die Staël unsere Zusammenkunft geheim gehalten wissen will, und ich dasselbe wünsche, so habe ich Buol gebeten, mir nach Zehist zu schreiben, damit Sie der Staël gar nichts weiter sagen dürfen. Sobald ich in Pirna angekommen, werde ich Leopold nach Dresden schicken; und diesem werden Sie dann die etwaigen ferneren Pakete &c. mitgeben, mein allervortrefflichster Müller!

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Letzte Aktualisierung 22-Jan-2003
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