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Philosophische und kritische Miscellen, 32-46; darin: <Friedrich Gottlob Wetzel>, 9. Idealistische Naturansicht, 45

9. Idealistische Naturansicht.

Diese herrliche Welt, wir nannten sie immer die beste,
Und von jeher gefiel allen Vernünftigen drin,
Hell genug schien Jedem die Sonne, so war auch der Himmel
Hoch genug, und das Meer – tieferes wußte man nichts.
Jeglicher lobte das Grün der Felder, die Blüthe des Baumes,
Und so fand auch den Schnee schwerlich ein Auge zu schwarz.
Auch die Früchte, den Wein, wir ließens trefflich uns schmecken,
Und es gedieh uns, die Welt machte uns wacker und stark.
Und jetzt kommen da Herren, die schrein: das ist nur die todte
Schlakke, was ihr da seht, höret und fühlet und schmeckt,
Ist nur der Niederschlag der wahren Welt der Ideen,
Ist der Sündenfall, und wohl der Teufel dazu.
Laßt euch nicht närren und denkt, es sei wirklicher Wein, wenn ihr Wein trinkt,
Nichts als das Zusehn habt ihr, wie es Andern schmeckt,
Droben im Himmel da säuft euch ein Andrer indessen den Wein weg,
Wischt sich das Maul und ihr steht unten mit trockenem Mund.
Aber die wahre Welt, versteht, die Welt, wie sie sein soll,
Die hat kein Mensch in der Welt, wir nur, wir führen sie ächt;
Freilich mit nichten den Plunder von Himmel und Erd’ und was drin ist,
Weder Sonne noch Mond – Alles nur reine Idee!
Wasser schmeckt uns wie Wein, und Marcipan wie Commißbrodt,
Seht nur in unser Papier, da ist die wahre Natur!
Guter Schöpfer, wie nun? wenn jeder Professor dir eine
Bessere Welt erschafft, als du zu Stande gebracht?



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Letzte Aktualisierung 29-Mär-2003
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